Swinging Hamburg - Die Webseite aus der Jazzhauptstadt Hamburg

Die Geschichte der Hamburger Jazzszene - Teil 05 - Gabriele Benedix

4.4 Reaktionen der Öffentlichkeit


Überblicksweise kann die Reaktion der Öffentlichkeit auf den Jazz der Hamburger Musiker nur als sehr verhalten bezeichnet werden. In Fortsetzung zu den Clubs fanden nur internationale Stars Beachtung. Diese wurden in den 50er/60er Jahren gelegentlich in einem Feature im Rundfunk oder in den Printmedien vorgestellt, wie beispielsweise Dave Brubeck. Es gab aber wenig bis gar nichts, was die Hamburger Szene repräsentierte. Laut Herrn Sillescu war in der Presse die Resonanz auf Jazz immer sehr zurückhaltend, weil es in den Redaktionen kaum jemanden gab, der sich dafür interessierte (wie später auch in den Anfängen der Pop- und Rockaera). Gemäß Berger gab es keine Jazzkritik, keine Publizistik: "Es wurde echt ausgeklinkt, das ist nicht zu fassen, Jazzkonzerte fanden in der Zeitung nicht statt. Es sei denn, es gab einen Skandal, z.B. das Stühle zerschmissen wurden. Das stand natürlich auf Seite 1 im Hamburger Abendblatt." Die ersten Jazzkritiken wurden von Werner Burkhard veröffentlicht. ''Die Welt'' gehörte zu den wenigen großen Zeitungen, die sich ernsthaft mit dem Jazz beschäftigt haben. In vielen kleineren Zeitungsredaktionen, wozu auch das ''Hamburger Abendblatt'' gehörte, war es üblich, Volontäre zu schicken. Die Berichterstattung war aber sehr dünn.

Dies änderte sich, als die Dixielandwelle boomte. Auch die hochgepuschte ''Hamburger Szene'' um das Pö ließ sich hervorragend vermarkten. Die strenge Jazzkritik jedoch hatte es in Hamburg schwer. In Frankfurt und Berlin wurde schon sehr früh ernsthaft über Jazz geschrieben, "... und nicht nur dieser Larifari-Volontärsquatsch." Anfang der 70er Jahre löste sich die Jazzkritik aus dem lokal-anekdotischen und fand als Kunststil auch im Feuilleton Beachtung. Werner Sillescu: "Im Feuilleton durfte ich dann gelegentlich 20 oder 30 Zeilen schreiben. Das änderte sich erst, als die später merkten, daß der Jazz eine wichtige Form der Kunstausübung ist."

Der Rundfunk hat den Jazz von Beginn an stärker beachtet, es gab Schallplattenabspielungen und einige wenige Konzertmitschnitte. Für die Hamburger Musiker jedoch hat der NDR damals genauso wenig getan wie heute. Hans Gertberg hatte gleich nach dem Krieg die Jazzabteilung im NDR gegründet, die Michael Naura nach dessen Tod übernahm. Während seiner Amtszeit richtete Gertberg 1958 den Jazzworkshop ein, in dem Gastmusiker eingeladen wurden. Durch seine guten Kontakte zu Musikern in den USA und deutschen modernen Künstlern entstanden häufig Konzerte unter konträren Gesichtspunkten. Insofern hatte der Jazzworkshop große Synergieeffekte auf die Hamburger Jazzszene als Spielstätte, da die Gastsolisten häufig im Anschluß im Jazzhouse, Barrett und vor allem im Onkel Pö spielten. Von der Hamburger Szene hielten sich die Gastmusiker und Gertberg jedoch distanziert.

Das Dixieland-Revival fand im Rundfunk keinerlei Erwähnung. Für den Journalisten fing der Jazz erst mit dem Bebop an, die Swingmusik war ihm suspekt, mit der Rockmusik wollte er gar nichts zu tun haben. Erst als Miles Davis mit ''Bitches Brew'' die Fusionmusik entwickelte und sich aus dem Cool Jazz in den Rockjazz bewegte, setzte beim NDR die Wende ein. Auch Plattenkritiken tauchten erst Mitte der 70er auf. Vorher gab es keine Rezensionen. Herr Sillescu hatte jeden Sonnabend seine eigene Seite, in die er "... Besprechungen von Jazzplatten hineinmogelte."

Grundsätzlich war das Jazzpublikum sehr gepflegt mit Schlips und Kragen und Abendgarderobe. Die Reaktion auf die Musik war eher dezent manchmal auch uninteressiert und lasch. Die Begeisterungsfähigkeit des Publikums hat heute eher zugenommen. Dafür war früher das Msuikrleben viel amüsanter: "Das liegt daran, daß alles viel mühsamer war. Daraus resultierte häufig spontaner Witz. Heute ist alles glattgebügelt, nur auf Erfolg raus." Mitte der 70er begann man sich auch in der Musiklehre für den Jazz zu interessieren. An der Musikhochschule gab es einen Dozenten, der in seinen Vorlesungen Popkompositionen mit den Studenten analysierte. Hermann Rauhe war einer der Ersten, der sich für den Jazz interessierte und sich dafür eingesetzt hat, daß an der Hochschule ein Studiengang Jazz eingerichtet wird. Dies konnte er allerdings erst umsetzen, als er Präsident der Hochschule für Musik und Theater wurde.

Auszüge aus der Diplomarbeit und mit freundlicher Genehmigung von Gabriele Benedix

(zuletzt aktualisiert: 23.08.1999 - 5400 mal aufgerufen)

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